Abenteurer

Sandra Schäfer stagings

mit Nacir Alqas, Elfe Brandenburger, Aiqela Rezaie, Saba Sahar und Diana Saqeb

 

13.September - 18.Oktober 2008

 

Der 2007 in Kabul gedrehte Film Passing the Rainbow von Sandra Schäfer und Elfe Brandenburger ist Ausgangspunkt der Ausstellung stagings. Der Film stellt afghanische Filmproduzentinnen vor sowie ihre Strategien, Gendernormen der afghanischen Gesellschaft zu unterlaufen. Die filmische Praxis in Afghanistan sowie das Handeln im Alltag stehen hierbei im Zentrum. Die Produktion von (Bild)-Wirklichkeiten wird von den beiden Filmemacherinnen als gesellschaftliche Intervention genutzt. Es geht um Rollenwechsel und Setzung von Handlungsspielräumen. Indem Passing the Rainbow Szenen aus dem Alltag der Darstellerinnen inszeniert, werden Wechselwirkungen und Widersprüche zwischen produzierten Bildern und realen Lebensbedingungen sichtbar. Entscheidend für Sandra Schäfer und Elfe Brandenburger war die Zusammenarbeit mit lokalen Akteurinnen in Afghanistan: Die Protagonistinnen sind Ko-Produzentinnen und Korrektiv westlicher Perspektiven.

Die Ausstellung stagings gliedert sich in zwei Teile:

Staging democracy im vorderen Raum von JET führt in den Film, in die cineastische Praxis der Protagonistinnen und ihren historischen Kontext in Afghanistan ein. Die hier gezeigten Filme sind alle 2007 - also während des sogenannten Demokratisierungsprozesses nach 2002 - produziert worden.

In der 2-Kanal-Videoinstallation to act in history nutzt Sandra Schäfer Bilder aus den Bildarchiven von Nancy Hatch Duprée und dem Williams Afghan Media Collective. Das selten zu sehende Material wurde von Sandra Schäfer mit eigenem Filmmaterial kombiniert, das sie während mehrerer Recherchereisen zwischen 2002 und 2008 gedreht hat. Die Installation reflektiert den Entstehungsprozess von Passing the Rainbow sowie dessen Rezeption in Kabul und Berlin. Außerdem skizziert sie mit historischen Bildern die Repräsentation von Frauen in Afghanistan.

Eine mobile Kinoinstallation stellt neben Passing the Rainbow zwei von afghanischen Filmemacherinnen produzierte Filme aus dem Jahr 2007 vor: 25 Darsad (25 Prozent) von Diana Saqeb und Nejat (Rettung) von Saba Sahar:

Die Regisseurin Saba Sahar erzählt in ihrer zweiten eigenen Filmproduktion Nejat die Geschichte einer Superheldin, in der sie selbst die Hauptrolle spielt, inszeniert im pakistanischen »Lollywood-Style« mit ausgefeilten Martial-Art-Szenen. Hauptberuflich arbeitet die Regisseurin, wie auch ihre Hauptdarstellerin, bei der Polizei.

Gemäß der neuen afghanischen Verfassung aus dem Jahr 2004 müssen 25 Prozent der Parliamentarier_innen Frauen sein. Die Regisseurin Diana Saqeb portraitiert sechs von ihnen in ihrem Dokumentarfilm 25 Darsad. In einer zentralen Szene verlassen die Parlamentarierinnen aus Protest gegen die frauenfeindlichen Argumentationen einiger Kollegen bei der Abstimmung zu einem Gleichstellungsgesetz den Saal.

 

Im hinteren Raum von JET spannt die Ausstellung mit staging civil war einen historischen Bogen zu dem in Kabul gedrehten Kurzspielfim Saya (Schatten) von Nacir Alqas. Saya, der 1990 nach zweijährigem Verbot doch noch gedreht werden konnte, handelt von einer Kriegswitwe, deren Sohn aus erster Ehe vom neuen Ehemann nicht akzeptiert wird. Schweren Herzens entscheidet sich die Witwe, gespielt von Yasemin Jarmal, den Jungen auf einem belebten Bazar auszusetzen. Der Film thematisiert ein typisches Phänomen während der sowjetischen Besatzung und der darauf folgenden Bürgerkriege. Viele Ehemänner sind während der Kriege ums Leben gekommen. Für die alleinstehenden Witwen und Kinder war es wegen des strengen Gesellschaftskodex schwierig, ein neues Leben aufzubauen. Das dokumentarisch anmutende Setting und die schauspielerische Arbeit der Hauptdarstellerin erinnern an Filme des italienischen Neorealismus. Nach einer kurzen Aufbruchphase sah man sich in Afghanistan nicht nur mit weiteren Bürgerkriegen konfrontiert, sondern auch mit einem rigiden Verständnis der Geschlechterrollen und daraus resultierenden Repressionen.

1996 entkam der Regisseur Nacir Alqas knapp einem Mordanschlag, woraufhin er mit seiner Familie floh und seitdem in Deutschland lebt.

 

Sandra Schäfer hielt sich seit November 2002 immer wieder in Kabul und Teheran auf, um in Zusammenarbeit mit Elfe Brandenburger für den Film Passing the Rainbow und das Filmfestival Kabul/Teheran: 1979ff zu recherchieren. 2007 hat sie das Filmfestival SPLICE IN zu Gender und Politik in Afghanistan, seinen Nachbarländern und Europa kuratiert, das in Kassel, Berlin und Hamburg stattfand. 2008 fand es in Kooperation mit CACA-Kabul, Afghan-Film und Zara Zandieh unter dem Titel SECOND TAKE in Kabul eine Fortsetzung. Sandra Schäfer ist Mitherausgeberin des metroZones-Buchs Kabul/ Teheran 1979ff: Filmlandschaften, Städte unter Stress und Migration, das 2006 im b_books-Verlag in Berlin erschienen ist.

Im Anschluß an die Präsentation im Ausstellungsraum Jet wird Sandra Schäfers Installation to act in history ab dem 20. November 2008 in der Ausstellung Working Documents in La Virreina, Centre de la Imatge in Barcelona gezeigt. www.mazefilm.de

 

 

Dank an Ingenieur Latif Ahmadi, Cintia Alves, Jochen Becker, Elfe Brandenburger, David Edwards, Matthias Horn und dem Orphtheater, Harriet Lesch, Britta Lorch, Karin Rebbert, Montse Romani, Virginia Villaplana.

 

 

Gefördert mit Mitteln der Kulturverwaltung des Berliner Senats.