Fehler

Manuel Gorkiewicz, ohne Titel, 2007, Installation im Fenster, Außenansicht

Manuel Gorkiewicz, ohne Titel, 2007, Installation im Fenster, Außenansicht

Heike Bollig, Grid, Siebdruck, 2006 und Wandinstallation, 2007

Heike Bollig, Grid, Siebdruck, 2006 und Wandinstallation, 2007

Manuel Gorkiewicz, ohne Titel, 2007, Installation im Fenster, Innenansicht.  Im Vordergrund: Heike Bollig, Blick auf den Alexanderplatz, Text, 2007

Manuel Gorkiewicz, ohne Titel, 2007, Installation im Fenster, Innenansicht. Im Vordergrund: Heike Bollig, Blick auf den Alexanderplatz, Text, 2007

Eva Meyer-Keller, Handmade, 2007, Video Still

Eva Meyer-Keller, Handmade, 2007, Video Still

Ulla von Brandenburg, Ein Zaubertrickfilm, 2001 und Eva Meyer-Keller, Handmade, 2007, Ausstellungsansicht

Ulla von Brandenburg, Ein Zaubertrickfilm, 2001 und Eva Meyer-Keller, Handmade, 2007, Ausstellungsansicht

Ulla von Brandenburg, Ein Zaubertrickfilm, 2001, Ausstellungsansicht

Ulla von Brandenburg, Ein Zaubertrickfilm, 2001, Ausstellungsansicht

Your Latest Trick

Fehler #1

15.2.-10.3.2007

 

Heike Bollig

Ulla von Brandenburg

Manuel Gorkiewicz

Eva Meyer-Keller

kuratiert von Vera Tollmann

 

Eröffnung am 10. Februar 2007, 19-21 Uhr

 

 

Schlägt man ein etymologisches Wörterbuch auf, wird beim Eintrag zum „Fehler“ auf das Verb „fehlen“ verwiesen. Unter „fehlen“ steht dann folgendes: altfranzösisch für täuschen, „nicht da sein“. Genau diese Erfahrung bieten optische Illusionen – man sieht etwas, das nicht da ist, oder sieht eben nicht das, was tatsächlich da ist. Wenn im japanischen Fernsehen Zauberer auftreten, dann führen sie ihre Tricks zunächst auf, und erklären sie dem staunenden Publikum anschließend. Diesen sehr rationalistischen Umgang mit den Illusionen – der fortgeschrittene Kapitalismus in Japan führt zu einer Entzauberung der Welt – findet sich allerdings nicht in „Your Latest Trick“, denn die künstlerischen Arbeiten wenden Methoden der Illusion an, um Situationen aus der „realen“ Welt und Magie als narrative Form zu reflektieren.

 

Der Fehler wie auch die Magie und die Illusion sind altmodische Begriffe und Metiers. Vom Fehler ist höchstens im Privaten die Rede. In der Politik und Wirtschaft spricht man an dessen Stelle von Optimierungsprozessen oder vom Blackout. Was aber die Magie und die Illusion vom Fehler trennt, ist das Regelhafte, die Strenge – dass für Magie und Illusion ein Fehler deren Ende bedeutet. Magie und Illusion müssen klaren Regeln folgen, sonst zerfallen sie sofort. Die optische Illusion wäre nicht erfahrbar ohne formale Präzision und sich wiederholende Formen. Der Zaubertrick erfolgt in drei Etappen: dem Versprechen, der Wandlung und der Anerkennung. Der Trick muss sitzen.

 

Warum liefen kürzlich im Westen produzierte Filme im Kino, die von diesen Künsten handeln? Der Nostalgie wegen? Geht es um das Einfache dieser illusionistischen Verblendungszusammenhänge? Auch in den Online-Videoplattformen des Web 2.0 findet man zahlreiche Clips von kleinen Darbietungen und Tricks - wobei oft nicht deutlich wird, ob der Trick nun "echt" ist oder digital erzeugt wurde. Was können diese visuellen Strategien erzählen, was bedeutet ihre Trickhaftigkeit?

 

In der Ausstellung “Your Latest Trick“ werden Arbeiten gezeigt, die mit Täuschungen operieren um auf aus Gewohnheit Unsichtbares hinzuweisen und gängige Erwartungen abzulehnen. Optische Illusionen und Tricks scheinen ambivalente Methoden zu sein, die Ablenkung wie Konzentration, Spass und Kritik gleichzeitig herstellen können.

 

Im Schaufenster von JET hängt Manuel Gorkiewicz eine Wand auf, die beidseitig mit einer Dekorationsfolie bespannt ist. Von draußen erscheint das Objekt als Teil einer unbespielten Auslage. Wie bei Potemkinschen Dörfern wird hier mittels einer optischen Kulisse eine „andere“ Situation simuliert. So verwandelt Gorkiewicz den Ausstellungsraum (wieder) in ein vakantes Ladenlokal und verweist auf die Übergangssituation in der unmittelbaren Nachbarschaft. Auf der Schaufensterrückseite ist eine einfache Darstellung des Simultankontrastes zu sehen. Simultankontrast heißt, dass die selbe Farbe auf dunklem Hintergrund heller und auf hellem dunkler erscheint. Manuel Gorkiewicz greift dafür zu untypischen Materialien: Styroporzylinder sind mit Schokoladenglasur überzogen – Pop Art und Op Art Referenzen gehen eine ungewohnte Verbindung ein.

 

Seit 2004 beschäftigt sich Heike Bollig mit Produktionsfehlern und maschinellen Fehlleistungen. Als Siebdruck, einem unter Op Art Künstlern populären Medium, reproduzierte sie das „Hermann Gitter“, den Klassiker unter den Mustern optischer Täuschungen (der außerdem ein Beispiel für den weiter oben erwähnten Simultankontrast ist). Schon 1870 entdeckte der Berliner Physiologe Ludimar Hermann, dass wir an den Kreuzungspunkten eines hellen Gitters mit schwarzen Quadraten beim indirekten Sehen dunkle Flecken sehen. Zu Bolligs Konzept gehört es, gelungene wie fehlgeschlagene Reproduktionen auszustellen, einerseits um ihren künstlerischen Versuchen Rechnung zu tragen und andererseits um der Unmöglichkeit auszuweichen, immer die richtige künstlerische Entscheidung zu treffen. Darüber hinaus treibt Bollig ihr ironisches Spiel mit den Erwartungen des Kunstpublikums, denn sie übertreibt das Klischee von dem, was künstlerische Arbeit leisten soll, nämlich immer neue Sichtweisen eröffnen, mit den im wörtlichen Sinne unoriginellen Bildern eines Täuschungsmusters.

 

In „Ein Zaubertrickfilm“ (2001) von Ulla von Brandenburg führen befreundete KünstlerInnen Zauberkunststücke und kleine Tricks vor. Die unbewegte Kameraeinstellung begrenzt den Raum auf einen Ausschnitt, den die AkteurInnen nacheinander wie eine Bühne betreten. Der Film ist ursprünglich als Super-8-Film in Schwarzweiß entstanden und wurde anschließend in das Videoformat übertragen. Durch die Wahl eines inzwischen historischen Mediums provoziert von Brandenburg eine zeitliche Verschiebung. Die Tricks werden scheinbar wie aus der Vergangenheit oder der Erinnerung abgerufen.

 

In der für JET konzipierten Videoarbeit „Hand made“ stellt Eva Meyer-Keller jeweils verschiedene Szenarien von Naturkatastrophen modellhaft nach – sie nennt das choreographiertes Basteln. In auf 3 Minuten komprimierten 24 Stunden werden Tag- und Nachtzeiten durch entsprechende Beleuchtung nachgeahmt. Um die Ausnahmezustände mit einfachsten Mitteln nachvollziehbar und zu einem kompakten Ereignis zu machen, verwendet Meyer-Keller Styropor, Salz, Folien und anderes Haushaltsmaterial. Bühne für das aufgeführte Schauspiel ist ein Aquarium, das sich auf einer rotierenden Scheibe dreht. In dessen Glas spiegeln sich Stativ und Kamera sowie Meyer-Kellers Hände – es ist also gleichzeitig das „Making of“ im Bild zu beobachten.