Fehler

Michael S. Riedel, Frieze issue May 2007, blue, black, red, yellow

Michael S. Riedel, Frieze issue May 2007, blue, black, red, yellow

Famed, Not, Right, But, Wrong, Serigrafie 2007

Famed, Not, Right, But, Wrong, Serigrafie 2007

Famed, Dead Letter Office (Bartlebys Melancholia) Konzept, Performance 2007

Famed, Dead Letter Office (Bartlebys Melancholia) Konzept, Performance 2007

Katrin Mayer, Jet Set Out, Detail, 2007

Katrin Mayer, Jet Set Out, Detail, 2007

NOT RIGHT BUT WRONG

Fehler #4

 

Famed, Katrin Mayer, Michael S. Riedel, kuratiert von Doreen Mende

 

Eröffnung 12. Mai 2007, 19 Uhr

17. Mai – 23. Juni 2007

 

NOT RIGHT BUT WRONG thematisiert Repräsentationspolitik und Ausstellungsstandards in der Präsentation von Kunst. Was sehen wir, wenn wir eine Ausstellung betreten? Oder anders gefragt: was sehen wir nicht und warum? Inmitten von Galerie-Neugründungen und täglich mehr werdenden kuratierten Ausstellungen – im Kreativ-Eldorado Berlin besonders gut zu beobachten – stellt NOT RIGHT BUT WRONG das Ausstellen selbst ins Zentrum. In Auseinander- setzung mit der Spezifik des Ausstellungsorts JET (junger Projektraum in Berlin mit einem Jahresprogramm zum Thema ‚Fehler’) und der kuratorischen Aufforderung (der Fehler als Analyseinstrument von Präsentationsnormen) entwickelten Famed, Katrin Mayer und Michael S. Riedel neue Arbeiten für die Ausstellung. Der Fehler wird jeweils nicht als Regelwidrigkeit verstanden, sondern eingesetzt, um Standards zu destabilisieren. Räumliche und kontextuelle Bedingungen des Ausstellungs- raums, die Produktion von Öffentlichkeiten, die Aktivierung von Raum, heterogene Beziehungsgeflechte sowie Machtkonstellationen zwischen Künstler/Kurator/Besucher/Institution werden dabei ebenso zum Material wie die Entstehungs- prozesse der Arbeiten selbst. Im Zentrum steht hier nicht eine Bewertung von Ausstellungs- normen. Im Sinne von ‚displicare’ (lat. so viel wie ‚offen legen’ oder ‚ausbreiten’) geht es vielmehr um die Veröffentlichung einer Ausstellungspraxis, die ausgehend von einem "relationalen Antagonismus" (Claire Bishop) und dezentrierten Perspektiven mehrschichtige subjektive Beziehungen und gesellschaftliche Realitäten in Bewegung setzt. Die Einbindung des Fehlers führt dazu, dass Famed den Ausstellungsraum als Diagramm von Präsentationskategorien anwendet, Katrin Mayer das ambivalente Verhältnis zwischen Schutz vs. Fragilität anhand des Schaufensters manifestiert und Michael S. Riedel die aktuelle Mai-Ausgabe des britischen Kunstmagazins frieze in Form eines Fehldrucks als Ausstellungsobjekt neu konfiguriert.

 

Die Arbeiten von Michael S. Riedel entstehen in Verdoppelungen von Formaten (Kunstzeitschrift, Ausstellung) oder Situationen (Messepräsentation, Eröffnung). Text wird dabei oft zum bildhaften Träger dieser Prozesse. Die Verdoppelungen erzeugen neben Verwirrung vor allem eine temporäre wie auch subjektive Pluralität von Sichtweisen und stellen die zentrale Frage nach dem Standpunkt der Perspektive. Repräsentationscodes, je etablierter desto besser, werden bei Riedel zur fulminanten Fehlerquelle. Michael S. Riedel konfigurierte für NOT RIGHT BUT WRONG das britische Kunstmagazin frieze zum Ausstellungsgegenstand: Zeitgleich mit der Ausstellung entsteht die aktuelle frieze Ausgabe (Mai 2007, Ausgabe 107) als Fehldruck, indem von Riedel in den standardisierten Druckablauf eingegriffen wurde. Dadurch verliert das Magazin seine Funktion als meinungsbildender Informationsträger für eine Existenz als text- oder bildentleertes Printobjekt. Der Eingriff in den Druck verändert das Magazin sowohl zur potentiellen Kunstware als auch zum autonomen Ausstellungsexponat. Hier tritt eine beabsichtigte Gleichzeitig von Realitäten hervor, die zwischen Off-Space, Kunstmesse (frieze ist Initiator der Frieze Art Fair), Abhängigkeit und Piratierie oszilliert.

 

Ein weiterer Bezugspunkt für NOT RIGHT BUT WRONG sind die Ausführungen des US-amerikanischen Kulturhistorikers Scott A. Sandage, der in seinem Buch Born Losers - A History of Failure in America (2005) darlegt, dass die heutige Terminologie des Scheiterns aus der Sprache des unternehmerischen Kapitalismus’ und des Bankwesens des frühen 19. Jahrhunderts kommt, seitdem die Glaubwürdigkeit der Kreditnehmer durch die Festlegung von Normen institutionalisiert wird, mit denen wir heute durch ein rating wie 1A in allen Bereichen des Lebens – eben auch der Kunst – operieren. Wir sind sowohl Konsument als auch (Re-)Produzent dieser Konzepte. Die Hamburger Künstlerin Katrin Mayer nutzt formale und visuelle Komponenten (z.B. Streifen, Quadrat), um kulturelle Normen zu analysieren. Ihr geht es dabei um Themen wie Geschlechtsspezifik, Subjektkonstituierung oder Konsumgesellschaft. Nicht zufällig fällt in den 1950er Jahren die Hoch-Zeit der Veröffentlichung von Handbüchern zum erfolgreichen Schaufenster-Display mit einer theoretischen Analyse der Gesellschaft des Spektakels zusammen: der Realismus der Konsumgesellschaft folgt einer medialen Logik, mit der Welt durch den Filter der Abbildbarkeit von Welt erfahrbar wird. Das JET-Schaufenster steht bei der neuen Arbeit von Katrin Mayer als Interface zwischen angreifbarer Fragilität und defensivem Schutz auf beiden Seiten der Scheibe sowie für Beziehungen durch Bilder (Guy Debord). Das Moment der Panik spielt eine wesentliche Rolle, wenn ökonomische Standards Proteste hervorrufen, aber auch wenn Realitätskonstruktionen brüchig werden und zwischen Fiktion und Realität kaum mehr zu unterscheiden ist.

 

Das Künstlerkollektiv Famed aus Leipzig (Sebastian Matthias Kretzschmar, Kilian Schellbach, Jan Thomaneck) markiert eine auf Ausstellungsraum und -kontext bezogene konzeptuelle Auseinandersetzung, die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in den letzten Jahren prägnanter wird – man könnte argumentieren als Antipode zur figurativen Malerei der sogenannten Leipziger Schule. "Seit 2003 tritt Famed mit unterschiedlichen Praktiken und Produktionsweisen auf wechselnden Terrains des Kunstbetriebs in Erscheinung. Der Name Famed steht für die Frage nach dem Ruhm als Motivation künstlerischer Produktion und fungiert darüber hinaus als Logo und Label der Gruppe. Doch Ruhm, so macht Famed auf eindringliche Art und Weise in ihren Arbeiten erfahrbar, ist ein Konglomerat verschiedener Kräfte und Gewichtungen im Kunstfeld, deren Auswirkungen kaum vorherzusehen oder gar zu kalkulieren sind. Zentrales Moment ihrer Arbeit bleibt deshalb stets die Frage nach einer möglichen Autonomie der Kunst." (Tina Schulz). Für NOT RIGHT BUT WRONG nutzen Famed den Ausstellungsraum, um in einer Art Atelier-Situation eine neue Arbeit zu generieren, die explizit mit den räumlichen und kontextuellen Standards von JET arbeitet. Bestehende Arbeiten wie GOOD NEWS FOR PEOPLE WHO LOVE BAD NEWS (Video, 2004) werden dabei genauso zum Material ihrer situativen Ausstellungspraxis wie architektonische Störungen vor Ort oder bewusste Implementierungen von Fehlern, um nicht zuletzt bewusste Entscheidungen beim Betrachter zu erzeugen.

 

Dank an Belinda Bowring, Jörg Heiser, Wilfried Kühn.

 

Text: Doreen Mende, Mai 2007

 

 

 

Ausstellungsansichten