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Ausstellungsansichten

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Annette Weisser, Kanon, 2006

Annette Weisser, Kanon, 2006

Olav Westphalen, Popular Ceramics, 2004

Olav Westphalen, Popular Ceramics, 2004

Michaela Melian, Tomboy, 1987-2007

Michaela Melian, Tomboy, 1987-2007

Lucy Powell, Memory of Sheep, 2007

Lucy Powell, Memory of Sheep, 2007

Martin Walde, Crazy Jane, 2007

Martin Walde, Crazy Jane, 2007

Same same, but different

Fehler #6

 

Michaela Melian

Lucy Powell

Martin Walde

Annette Weisser

Olav Westphalen

 

Kuratiert von Lena Ziese

 

Eröffnung am 29. September 19-21 Uhr

29.09. – 10.11.2007

 

 

 

Unsere Gesellschaft hat ein differenziertes Regelwerk davon entwickelt, was wir als «richtig» oder «falsch» empfinden. Oft ist uns nicht bewusst, wie wir zwischen Normalität und Abweichung unterscheiden, da normierende Strukturen selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags sind.

Mich interessiert, wie sich Normalität und Abweichung in sozialen, oft subtilen Momenten unseres Lebens zeigen. Die Ausstellung same same, but different vereint daher künstlerische Positionen, die normierende Strukturen in alltäglichen Kontexten untersuchen, um daraus neue Perspektiven auf das, was wir herkömmlich als « normal » definieren zu ermöglichen. Es geht nicht um das Verhandeln explizit politisch gelenkter Normierungen, vielmehr untersuchen Michaela Melián, Lucy Powell, Martin Walde, Annette Weisser und Olav Westphalen die Momente unseres Lebens, in denen es keinen eindeutig Verantwortlichen für normierende Strukturen gibt, da sie über einen langen Zeitraum kulturell gewachsen sind. Sie fokussieren in ihren Arbeiten das Soziale an den Stellen, wo es scheinbar vom Alltäglichen überdeckt wird.

In Thailand wird mit same same, but different umgangssprachlich die minimale Abweichung eines gefälschten Produktes vom Original beschrieben. Übertragen auf soziales Verhalten benennt same same, but different die minimale Abweichung vom Status quo.

 

Die Videoarbeit Kanon von Annette Weisser basiert auf einem bekannten österreichischen Kinderlied, dessen Text Annette Weisser durch die Zeile We know what we are by what we are not ersetzt hat, auf welche sie in einem Zeitschriftenbeitrag über den sogenannten „Clash of Cultures“ gestossen ist. Die Künstlerin singt bzw. pfeift sämtliche Stimmen des Kanons, während die Kamera Details des Aufnahmestudios in Wien zeigt. Der repräsentative Saal stammt aus einer Epoche, als hier Kultursendungen für das österreichische Staatsfernsehen produziert wurden. Die Wandfresken von 1939 zeigen „typisch österreichische“ Szenen wie Picknick im Grünen, Badefreuden, Einbringen der Ernte, Wanderung im Gebirge. Die Kamera macht keinen Unterschied zwischen den bewusst naiv gemalten Fresken, den zufällig im Studio verteilten Requisiten und dem modern-funktionalen Mobiliar. Der Saal als solcher bildet eine mögliche Antwort auf die Frage, was kulturelle Identität ausmacht und ist gleichzeitig ein Ort, wo dieser „Kanon“ produziert und verteilt wird.

 

Ein Ort der Kanonbildung ist auch Ausgangspunkt für die Werkreihe Popular Ceramics von Olav Westphalen. Während seiner Tätigkeit als Professor in der Tylor School of Art hat Westphalen Grundkursskulpturen der Keramikklasse in einem Lagerregal gefunden, die beinahe das gesamte Formenvokabular der Avantgardeströmungen der Moderne nachzuahmen schienen. Nachdem Westphalen die Skulpturen fotografiert hatte, begann er die Objekte zu zeichnen und mit Hilfe dieser Vorlage wieder Skulpturen zu schaffen. Die Keramiken wandelten sich so von der unbeholfenen studentischen Suche nach einem eigenständigen künstlerischen Ausdruck zu Handelsobjekten des Kunstbetriebs. Es stellt sich die Frage, was die so entstandenen Arbeiten von den studentischen Formversuchen unterscheidet und damit einhergehend, die Frage nach den Kriterien, nach denen eine Arbeit als künstlerisch wertvoll erachtet wird.

 

Eine ganz andere Art der Umgehung von Kategorien finden wir in den Tomboy-Zeichnungen von Michaela Melián. Die Zeichnungen, die über einen Zeitraum von 20 Jahren entstanden sind und noch nie in Berlin gezeigt wurden, spielen mit Identitätsstereotypen. „Weibliche“ und „männliche“ Formenzuschreibungen werden von Melián auf ihre Bedingungen untersucht und auf eine Reise geschickt, an deren Ende kein eindeutiges Ordnungssystem mehr steht. Der Tomboy ist laut Wörterbuch ein burschikoses Mädchen, das die Vorstellung von Unabhängigkeit und Grenzenlosigkeit repräsentiert. Die Idee der Grenzenlosigkeit beschreibt jedoch gleichzeitig ein System der Unterschiede, denn Mädchen werden u.a. dann als Tomboys beschrieben, wenn "ihr Interesse an Dominanz groß genug ist, um gegen gleichaltrige Jungen bestehen zu können" aber gering genug, "um nicht von der Jungengruppe ausgeschlossen zu werden".

 

Eine Beobachtung, die Martin Walde in London gemacht hat, ging seiner Arbeit crazy jane voraus: Eine Frau sitzt auf einer Treppe, trennt Servietten in einzelne Schichten, dreht deren Spitzen so zusammen, dass ein Volumen entsteht, zündet die Spitzen an und wirft die Papierobjekte hinter sich. Diese obsessive Produktion tätigt sie, immer an der gleichen Stelle sitzend, ohne Kontakt zu ihrer Umwelt aufzunehmen. Jane entzieht sich durch ihr befremdliches Vorgehen dem Verhaltenskodex städtischen Lebens und löst Verunsicherung oder Verblüffung bei den vorbeigehenden Passanten aus. Zugleich öffnet ihr nicht konformes Verhalten Lücken im Regelwerk des öffentlichen Raumes und schafft Raum für poetisches, nicht funktionalisiertes Handeln.

 

Genauso wie Menschen, erkennen sich Schafe anhand ihrer Gesichter. Die Physignomie des Gesichtes entscheidet auch darüber, zu welchem Schaf sich ein Mitglied einer Schafherde besonders hingezogen fühlt. Ein Schaf kann sich 50 verschiedene Schafgesichter über den Zeitraum von zwei Jahren merken. Alle anderen Tiere der Herde werden als nicht zugehörig empfunden und sind so jederzeit austauschbar. Diese wissenschaftliche Erkenntnis nimmt Lucy Powell zum Anlass, um 50 Portraits von Schafen in einem Diakarussel zusammenzufassen. Zusammengenommen bilden die Fotos ein beeindruckendes Dokument einer Gruppe, die jedes neu hinzukommende Subjekt als fremd ausschließt. Auch wenn Ausschlussmechanismen bei der Grupppenzusammensetzung von Menschen sicherlich nach komplexeren Regeln funktionieren, ist es doch erstaunlich, wie menschlich die Arbeit von Lucy Powell erscheint.