Tilman Wendland

Tilman Wendland

 

Austellungsdauer: 30.11.2007 - 12.01.2008

 

 

 

 

 

Lokomotive Form

von Dominikus Müller, geschrieben für artnet.de

 

 

Betritt man den Projektraum Jet, der sich im Erdgeschoss eines Plattenbaus unweit des Alexanderplatzes befindet, so sieht man als erstes die Decke, schon weil da sonst nicht viel ist. Wo normalerweise eine Verblendung angebracht ist, die die Raumhöhe auf das plattenbautypische Niedrigniveau reduziert, hat Tilman Wendland die quadratischen Schaumstofffliesen aus ihren Aluminiumrahmen entfernt und durch viel zu große, auf der Unterseite weiß beschichtete Hartfaserplatten ersetzt. Dank der geringen Dicke des Materials und der Elastizität des Baustoffs biegen sich die Platten flügellahm in den Raum herab, als würde sich die Decke allmählich in Fetzen von der Decke schälen. Die Krümmung der Platten gibt den Blick frei auf den im Gegensatz zum Ausstellungsraum gar nicht so weißen, unrenovierten und schmutzigen Betonteil des Raumes, der sich sonst um der Kunst und Raumhygiene willen verstecken muss. Zunächst einmal: Eine astreine Öffnung des Raumes, ein klassisches Verfahren, schulmäßig eingesetzt, um mittels geringfügiger Verschiebungen und Modifikationen des Vorgefundenen hinter dem Sichtbaren das Unsichtbare aufzufinden und auszustellen.

 

Dieses Spiel um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, genau genommen um das künstlerische Vorrecht des Sichtbar- und Unsichtbarmachens wiederholt Wendland quer durch den ganzen Raum. Neben der Öffnung der Decke hat er kleine Wandvorsprünge, die das Ebenmäßige des ansonsten viereckigen Ausstellungsraumes unterbrechen – mit ebenfalls weißen, 2 mm starken Karton-Platten verkleidet. Niemand kann mehr erkennen, ob man es mit frei erfundenen künstlerischen Einbauten zu tun hat oder mit der abhängig mimetischen Verkleidung sowieso schon vorhandender Ecken und Vorsprünge in einem zweckhaft ungestalten, nicht um der Kunst willen erfundenen Raum. Wer den Raum gut kennt, weiß dass überwiegend letzteres der Fall ist. Sicher ist sich aber niemand, und so bleibt letztlich im Dunkeln, was hier skulpturale Oberfläche und was schlicht Vertäfelung ist. Die Einbauten konterkarieren dabei auch die Durchsichtigkeit der Decke. Dieses Spiel um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit wird wie ein Standard durchdekliniert, auf die Spitze in einer Raumecke getrieben, in welcher der Künstler scheinbar völlig willkürlich eine Wandverschalung hinzugefügt hat.

 

Im Hinterraum geht es so weiter. Wieder fehlt die gewohnte Decke. Statt aber das Versteckte freizugeben, hat Wendland hier gefaltetes Transparentpapier eingefügt. Dabei sieht das Material nicht nach dem aus, was es ist. Es erinnert an weiches, transluzentes Plastik, als mühe die Kunst sich nun darum, es richtig zu machen und all dem Baumarktmaterial eine ordentliche Schauseite zu verpassen. Das Papier wird gestaucht, gefaltet, passend gemacht. Es fügt sich in eben den Maße ein, wie die Platten im Vorderraum sich ganz in ihre eigene Schwerkraft fallen lassen dürfen. Die hinter der durchscheinenden Kartondecke eigens angebrachten Lampen tauchen den Hinterraum, in dem sich gleichzeitig auch der Empfangs- und Arbeitstisch befindet, in ein helles, museal anmutendes Licht, als solle aus der Projektpräsentationsstätte im letzten Moment noch ein properer White Cube werden.

 

Hier aber verliert die Schulmäßigkeit ihr berechenbares Gesicht. Denn hier befindet sich das einzige Ausstellungsobjekt dieser Präsentation, das selbst etwas will und nicht nur in vorgegebenen architektonischen Satzbausteinen spricht. In diesem Objekt ist der eigentliche Clou zu sehen, der Wendlands Aneignung des Projektraums ihren spezifischen Twist verleiht und sie auf ein anderes Niveau katapultiert. Er hat aus den schon bekannten Platten, Karton und einigen Glaselementen ein ziemlich legoartiges Gefährt gebaut, Typus Lokomotive in Kinderzimmertypologie. Das Ding hat dort eigentlich nichts zu suchen. Es hat gar nichts mit den prototypischen Raum-zu-Skulptur-Verfahren zu tun, die der Künstler bis zu diesem Punkt, bis in die letzte Ecke wie aus dem Lehrbuch durchexerziert hat. Irritation kommt auf.

 

Die bis hier konsequent in ihrer Funktion als Verschalungsmaterial den Raum modifizierenden Materialien ändern ihren Status und werden plötzlich zu einer Art Bauklötzchensortiment aus der Spielzeugkiste. Damit ändert sich auch der ganze Ton der Ausstellung – weg von der ernsthaft wirkenden Auseinandersetzung mit Sicht- und Unsichtbarkeit einer Raumkonfiguration und hin zu einer Kunst als Gelegenheit, subjektive Bastel- und „Spieltriebe“ auszuagieren. Die ins Auge springende Gegenständlichkeit und besonders die plötzlich braunen Pappkarton-Räder fallen lautmalerisch der minimalistischen Strenge ins Wort, mit der Wendland seine Präsentation eben noch betrieben hat. Die Ausstellung ändert gewissermaßen ihr Register und entwickelt sich zu einer Art Metakommentar auf den Metakommentar der Raumdekonstruktion. Und spätestens hier scheint der Interpretation plötzlich alles möglich.

 

So ist Tilman Wendlands Ausstellung eben nicht ganz auflösbar. Der Leseprozess kommt zu keinem Ende. Denn zum einen exerziert Wendland seine Verwandlungen fast schon zu akademisch-kanonisch durch, als dass man sie ihm als Gehalt seiner Arbeit abkaufen möchte – zum anderen ist da aber noch die Lokomotive als trojanisches Pferd. Zum dritten aber zitiert gerade diese unecht naive Maschine die Anwendung und damit auch Umwendung einer Materialästhetik, die man im großen Stil am ehesten mit Thomas Demand assoziiert und zeigt so – salopp gesagt – auf, dass man mit Cardboard noch etwas ganz anderes machen kann, als es von übergroßen Mitarbeiterstäben zu politisch aufgeladenen Fotokulissen zu montieren und dann wieder zerstören zu lassen: Kindergarten-Autonomie als eine andere Art der Erinnerungsarbeit, als Praxisübung zum Status der Kunst.

 

Und schließlich ist diese Ausstellung auch Kommentar zur Lage von Projekträumen: Ein Spielplatz für die Kunst? Sandkasten und Lego statt Barschels Badewanne und Saddam Husseins Küche, aber auch Off-Space im Plattenbau und nicht der Strand von Miami Beach. Wie man dies lesen möchte, und vor allem die Richtung der Bewertung ist hier am Ende jedem selbst überlassen. Und damit ist letztlich nichts so wie es scheint: Statt sich im Aufzeigen tendenziell transhistorischer Wahrnehmungsparadigmen des Raumes zu erschöpfen, zeigt Wendland vielleicht doch viel stärker auf die soziale Überschreibung und ständig fluktuierende Bedeutungsproduktion in jenen, immer in größere feldspezifische Kontexte eingebetteten Räumen; statt in der Öffnung der Decke, dem auffälligsten Teil der Arbeit, findet Tilman Wendlands Ausstellung vielleicht erst in der ihr eigenen ironischen Doppelbödigkeit zu ihrem wahren Gehalt. Der Projektraum jedenfalls steht nicht mehr still. Er ist zum Rangierhof geworden und fest hinter seine neue Zugmaschine gespannt.